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Dieser Text ist für den Reporterpreis 2009 nominiert.
Die
letzten Bilder von Abraham Biggs, die eine Kamera um die Welt
schickt, kommen aus seinem Schlafzimmer. Sie zeigen einen jungen
Mann, der in weißen Boxershorts und grauem T-Shirt auf dem Bett
liegt. Er hat sich nicht herausgeputzt für diesen letzten Auftritt.
Die
Webcam gibt nur einen kleinen Ausschnitt des Zimmers wieder: den
reglosen Abraham, 19 Jahre alt, das zerwühlte Bett, die kahle Wand
dahinter. Der Junge hat dem Objektiv den Rücken zugewandt, ein Arm
ist unter seinen Oberkörper geklemmt, die nackten Beine liegen
aufeinander. Seit zehn Stunden liegt er nun schon da.
Abraham
Biggs hatte im Netz angekündigt, er werde eine "Überdosis"
nehmen, dann hat er die Medikamente aufgezählt, die er schlucken
werde. Und er hat auf eine Webseite verwiesen, auf der man ihm dabei
zusehen kann. Live.
220
Menschen schauen an diesem Nachmittag des 19. November 2008 auf
Abraham Biggs, die Zahl ist auf der Webseite eingeblendet. In
Großbritannien sehen sie ihm zu, in Australien, in Mexiko, in den
USA. Sie blicken nach Pembroke Pines, einer Kleinstadt an der
Ostküste Floridas. Und keiner glaubt, dass er in Lebensgefahr ist.
Misstrauen sie den digitalen Bildern und halten das, was sie sehen,
für gefälscht? Können sie nicht unterscheiden zwischen dem, was
virtuell, und dem, was real ist? Sind die Menschen durch die
Anonymität und die Unverbindlichkeit des Internets verroht? Oder ist
das ein vor Publikum begangener Selbstmord, so wie andere auch - bloß
dass das Publikum diesmal am Computer sitzt?
Nur
ein Schüler aus Indien greift zum Telefon und versucht, Abraham zu
retten. Und schließlich erscheint die Nachricht eines
Computerexperten aus Indianapolis im Textfeld neben dem Videobild:
"Ich habe die Polizei gerufen."
Elf
Stunden zuvor, um vier Uhr in der Früh, spielt Abraham in seinem
Zimmer am Computer. Sein Vater kommt herein, er ist wach, weil er
nebenan noch Büroarbeiten erledigt hat. "Vergiss nicht, dass
wir zum Mittagessen verabredet sind", sagt der Vater, dann geht
er schlafen, er muss um sieben zur Arbeit. Später wird er sagen, ihm
sei nichts Ungewöhnliches aufgefallen an seinem Sohn, der oft bis
spät in der Nacht am Computer saß. Der Vater weiß nicht, dass
Abraham in den Tagen zuvor seinen Blackberry verkauft hat, mit dem er
überall E-Mails las und beantwortete. Und seine geliebte
Playstation. Dass diese Dinge, die dem Sohn einmal so wichtig waren,
ihm nichts mehr bedeuten.
Abraham
Biggs senior, der vor drei Jahrzehnten aus Ghana in die USA kam, ist
Mathematikprofessor am Broward College. Auch sein Sohn studiert dort
und arbeitet als Tutor im Computerraum. Abraham kennt sich gut aus
mit allen möglichen Programmen, aber er ist keiner dieser Jungen,
die ihr Leben im Schein des Monitorlichts fristen. Er ist eins
neunzig groß und sportlich, ein Mädchentyp, der seine Freundinnen
so oft wechselt, dass seine Mutter irgendwann aufhört, sich ihre
Namen zu merken. Abraham gibt gern den Entertainer. Auf seiner Seite
bei der Onlinegemeinschaft MySpace hat er ausschließlich Partyfotos
von sich und Freunden hochgeladen, als wolle er allen zeigen, wie
viel Spaß er hat.
Nachdem
sein Vater zu Bett gegangen ist, schickt Abraham um 4.17 Uhr eine SMS
an seine Mutter. Sie ist Krankenschwester im Memorial Hospital im
benachbarten Städtchen Hollywood und hat Nachtdienst. Doreen
Facey-Biggs, 47, sieht gerade nach einem ihrer Krebspatienten. Sie
ist die Einzige auf ihrer Station, die keine weiße Kleidung trägt,
sondern geblümte Oberteile und rosa Hosen, ihre Haare hat die
gebürtige Jamaikanerin zu Dutzenden kleiner Zöpfe geflochten. Sie
verlässt das Patientenzimmer und liest die SMS: "Ich hasse
mich."
Vier
Monate später hat die Mutter die Nachricht immer noch auf ihrem
Handy gespeichert. Auf ihrem Wohnzimmertisch liegen ihre letzten drei
Mobiltelefone, deren Speicher randvoll mit Textnachrichten ihres
Sohnes sind. "Ich komme zu dir, es geht mir so schlecht",
hatte er ihr ein paar Monate vor seinem Tod geschrieben, "ich
will Antidepressiva." Abraham litt an einer bipolaren Störung,
bei der sich extreme Manie und Depression abwechseln. Die Mutter
hoffte, Abraham und sie würden irgendwann einmal zusammen die
SMS-Nachrichten lesen und sich freuen, dass diese Zeit vorbei ist.
Doreen
Facey-Biggs wohnt mit ihrer Tochter Rosie, deren Mann und zwei
Kindern in einem kleinen Bungalow außerhalb des Zentrums von
Hollywood - nicht Hollywood, die Traumfabrik, sondern eine Kleinstadt
am Pazifik mit softeisfarbenen Häusern, auf die das ganze Jahr die
Sonne scheint. Wenn man das Haus betritt, steht man schon mittendrin
im Wohnzimmer, es ist eng hier, Spielzeug liegt herum, ungebügelte
Wäsche hängt über einem Stuhl. Bob Marley lächelt von einem Foto
über das Chaos hinweg. Man hat den Eindruck, dass hier eine Familie
lebt, die gerne nah beieinander ist. Rosie sagt, sie wolle nicht ohne
die Mutter wohnen.
Abrahams
Eltern ließen sich 2004 scheiden. Abraham hatte fortan ein Zimmer
beim Vater im benachbarten Pembroke Pines, wo er sich meistens
aufhielt, und eines bei der Mutter. Sie und seine 27-jährige
Schwester Rosie waren enge Vertraute für ihn, den beiden offenbarte
er sich, als eine seiner Freundinnen glaubte, schwanger zu sein. "Wir
sind sehr offen miteinander", sagt die Mutter. Sie und der
damals zwölfjährige Abraham waren auch bei der Geburt von Rosies
erster Tochter dabei und filmten. Mit ihnen waren noch zehn Freunde
und eine weitere Videokamera im Kreißsaal.
Am
19. November 2008 wäre es Doreen Facey-Biggs lieber gewesen, es
hätte keine Kamera gefilmt.
Als
sie die SMS ihres Sohnes liest, gerät sie in Panik. Zweieinhalb
Monate zuvor hat Abraham versucht, sich mit Tabletten zu vergiften.
Sie ruft ihn sofort an.
"Was
bedeutet diese SMS?", fragt sie ihn. "Willst du dich
umbringen? Ich liebe dich doch." - "Das weiß ich",
antwortet Abraham. "Und ich weiß, dass es eine Menge gibt,
wofür es sich zu leben lohnt." Dass er so entspannt klingt,
beruhigt die Mutter.
Abraham
loggt sich um kurz vor fünf bei Bodybuilding.com ein, einer Website,
die er fast jeden Tag besucht. Eigentlich tauschen sich die Besucher
dort über Trainingsmethoden und Präparate zum Muskelaufbau aus.
Aber Abraham ist kein Bodybuilder, meist verbringt er seine Zeit im
Forum für Vermischtes. Dort debattieren die Mitglieder, vorwiegend
Männer, über die Vorzüge der Nassrasur und Probleme mit der
Freundin. Wie alle dort gibt Abraham seinen echten Namen nicht preis,
er nennt sich CandyJunkie. "Das Forum ist wie eine Familie für
mich", schreibt er in einem seiner Beiträge. Eine Familie, in
der es intim und gleichzeitig anonym zugeht. Man kennt ihn dort als
jemanden, der sich gern merkwürdige Scherze erlaubt. Einmal schreibt
er, sein Vater habe ihn rausgeworfen, deshalb trampe er durch die
USA. Er hinterlässt seine Handynummer. Später stellt sich heraus,
dass die Geschichte erfunden war. Ein anderes Mal kündigt er an, er
wolle 40 Beruhigungstabletten schlucken. "Have fun", ist
die Antwort. Am nächsten Tag ist er wieder im Forum aktiv, als sei
nichts gewesen.
In
jener Novembernacht schreibt CandyJunkie um 4.56 Uhr: "Fragt
einen Typen, der sich heute (wieder) eine Überdosis verpassen wird,
was ihr wollt." Er hinterlässt einen Verweis auf eine
Videoseite: www.justin.tv/feels_like_ecstacy. Justin.tv gibt es seit
2006, hier können Internetnutzer die Bilder ihrer Webcam in Echtzeit
ausstrahlen, ihren eigenen Live-Kanal gestalten. Wer in dieser Nacht
Abrahams Link anklickt, sieht sein Schlafzimmer. Der Countdown seines
Abschieds hat begonnen. Die erste Reaktion lässt sieben Minuten auf
sich warten. SweatyJohnson aus New York fragt: "Warum?"
"Ich
will sterben", antwortet CandyJunkie um 5.05 Uhr.
"lol",
schreibt jonB89; lol bedeutet laughing out loud - lautes Gelächter.
Ein
weiteres Forumsmitglied fragt ihn, wie viele Tabletten er genommen
habe.
"8
Xanax. 7 roxies und 3 ultram."
Xanax,
das Abraham gegen seine Angstzustände verschrieben bekommen hat, ist
in den USA ein gängiges Medikament. Dass es in dieser Menge und in
Kombination mit den beiden Schmerzmitteln Roxicet und Ultram zum Tod
führen kann, weiß vermutlich niemand im Forum.
"Nicht
schon wieder, der versagt jedes Mal", schreibt Fairy.
Alle
sitzen allein vor ihren Bildschirmen, aber es ist, als stünde eine
Menge vor einem Mietshaus und beobachtete einen Lebensmüden am
Fenstersims. Alle recken die Köpfe, manch einer schreit: "Spring!"
Und der eine oder andere holt Hilfe. Oder ist es im Internet doch
leichter als auf der Straße, Hilfesuchende zu ignorieren?
"Das
Netz allein macht die Menschen nicht kälter", sagt der
Internetexperte Urs Gasser, Professor für Informationsrecht im
schweizerischen Sankt Gallen und Direktor des Berkman Center for
Internet & Society an der Harvard University. Wenn bei
Jugendlichen eine emotionale Abstumpfung zu beobachten sei, sagt
Gasser, sei nicht das Internet schuld, sondern der insgesamt erhöhte
Medienkonsum. "Wenn ein Jugendlicher schon Hunderte von Leichen
im Fernseher gesehen hat, kann das natürlich Folgen haben. Aber die
Ursachen für ein Verhaltensmuster sind komplex, die Bilder an sich
nur Mosaiksteine, die eine Veranlagung allenfalls verstärken
können."
Menschen
sind seiner Ansicht nach im Netz genauso zur Solidarität fähig wie
überall sonst. "Sie müssen nur lernen, sich mit offenen Augen
in diesem neuen Medium zu bewegen", sagt Gasser. So haben
spanische Internetnutzer im März 2007 rechtzeitig die Polizei
alarmiert, nachdem ein Mann aus Bremerhaven in einem Chatroom
angekündigt hatte, er werde sich erschießen. Damals haben die User
selbst die Initiative ergriffen. Was im Netz jedoch fehlt, ist ein
Warnsystem. Das verlangt etwa die Organisation Wired Kids, die in den
USA gegründet wurde und zu deren letzter Konferenz im Februar auch
Abrahams Schwester Rosie reiste. Vor Vertretern der Internetindustrie
forderte sie die Einführung eines Notknopfes auf den Websites, mit
dem die Nutzer ein Bildschirmfoto an den Administrator schicken
können. Hätte es so einen Knopf auf Bodybuilding.com gegeben,
glaubt Rosie, hätte ihrem Bruder rechtzeitig jemand geholfen.
Um
5.18 Uhr schreibt CandyJunkie seinen letzten Eintrag im Forum von
Bodybuilding.com. Es ist ein Abschiedsbrief, der eine ganze
Monitorseite einnimmt. "Ich kann niemandem erklären, warum ich
jeden neuen Tag verabscheue", tippt er. "Der Hass, der in
mir tobt, richtet sich nicht gegen die, die ich so sehr liebe. Dieser
Hass richtet sich voll und ganz gegen mich." Und: "Vergebt
mir." Als er fertig ist, legt er sich aufs Bett, um zu schlafen.
Die Kamera läuft. Noch wäre Zeit, ihn zu retten.
Ein
warmer Märztag 2009 in Florida. Doreen Facey-Biggs hat Besuch von
ihrer Schwester Kike aus Washington. Kike hat sich am Morgen spontan
ins Flugzeug gesetzt, weil Doreen am Abend zuvor am Telefon geweint
hat. Gerade sind sie vom Einkaufen nach Hause zurückgekehrt, aber
Doreen will nicht aus dem Auto steigen. Sie will diese Höhle aus
Blech nicht verlassen, die sie abschirmt vor der Welt da draußen.
Und schon gar nicht will sie jetzt Fragen beantworten. Als sie
anderthalb Stunden später doch ins Haus kommt, entschuldigt sie
sich. "Der Schmerz wird nicht weniger, wie alle behaupten. Er
wird schlimmer. Manchmal denke ich, ob es nicht besser wäre, selbst
tot zu sein." Ihre Schwester wirft ihr einen besorgten Blick zu.
Doreen zieht ihre Bluse straff, dann räumt sie den Kühlschrank ein.
Es
gibt nicht viele Augenblicke, in denen Abrahams Mutter sich Schwäche
erlaubt. "Wir Schwarzen stammen von Sklaven ab, die ums
Überleben kämpfen mussten, wir sind darauf konditioniert, stark zu
sein", sagt sie. Auch in Obamas Amerika litten die Schwarzen
noch unter diesem problematischen Selbstverständnis. Das habe es
Abraham so schwer gemacht, seine psychische Erkrankung zu
akzeptieren. "Ein Schwarzer", sagt sie, "legt sich
nicht auf die Couch und analysiert sein Leben." Er versucht, es
selbst in die Hand zu nehmen. Dass Abraham das nicht gelang und seine
Familie sich seinetwegen sorgte, habe er sich selbst am meisten übel
genommen.
Im
Sommer 2006, als Abraham von einem mehrwöchigen Armeetraining
zurückkommt, fällt der Mutter zum ersten Mal auf, dass mit ihrem
Sohn etwas nicht stimmt. Er ist 17 und noch auf der Schule. Die
Mutter war gegen dieses freiwillige Kampftraining, doch der Junge
findet, es zeuge von Stärke, Soldat zu sein. Das Ausbildungscamp
habe den Sohn verändert, sagt die Mutter. "Er hatte
Selbstmordfantasien und das Gefühl, den Verstand zu verlieren."
In den Monaten danach bekommt er Panikattacken, er leidet unter
Schwindelgefühlen, bricht plötzlich in Tränen aus. An manchen
Tagen ist er hyperaktiv, trifft Freunde und ist bis früh um fünf
wach. Dann wieder liegt er tagelang zu Hause im Bett wie in einem
Grab. Seiner Schwester sagt er, sein Wunsch zu sterben sei so stark,
dass er nicht wisse, wie er dagegen ankämpfen solle. Seine
Medikamente und eine Gruppentherapie helfen nicht. Die Mutter denkt,
Abraham müsse vielleicht mal raus aus seinem Alltag. Sie überlegt,
mit ihm nach Afrika zu reisen, zu seinen Wurzeln, damit er zu sich
selbst finde.
Seine
Freunde bekommen von alldem offenbar gar nichts mit. Für sie war
Abraham einer, auf den man sich verlassen konnte, einer, den man auch
nachts anrufen konnte, wenn es einem schlecht ging. "Er war
unglaublich hilfsbereit", sagt eine Freundin, die 18-jährige
Kristy Philips. Wenn sie sich trafen, hatte er oft Spielzeug für
ihre kleine Tochter dabei, die sie allein großzieht. Andere Freunde,
die Probleme mit ihren Eltern hatten, brachte er mit nach Hause und
bat seine Mutter, sie bei ihnen wohnen zu lassen. Kristy telefonierte
jede Woche ein paar Mal mit ihm, sie gingen zusammen mit anderen
Freunden in Clubs und auf Partys am Strand. "Abraham hat uns
alle zum Lachen gebracht", sagt Kristy. Sie versteht bis heute
nicht, warum er ihr von seinen Depressionen nie etwas erzählte.
Am
1. September 2008 versucht Abraham zum ersten Mal, sich umzubringen.
Er verkündet in einem Internetforum, dass er eine Überdosis
genommen habe. Eine Bekannte, die dort eingeloggt ist, ruft die
Polizei. Die Beamten finden ihn rechtzeitig und bringen ihn ins
Krankenhaus. Die nächsten fünf Tage und Nächte bleibt die Mutter
am Bett ihres Sohnes. Dann wird der Junge entlassen, eine genaue
Diagnose gibt es nicht.
Erst
Wochen später erkennt ein Arzt, dass Abraham unter einer bipolaren
Störung leidet, bei der sich extreme Manie und Depression
abwechseln. Einmal ist der Patient euphorisch, dann wieder fühlt er
sich antriebs- und wertlos. Die Krankheit hat genetische Ursachen,
ihr Ausbruch und Verlauf wird aber auch von Stress und traumatischen
Erlebnissen beeinflusst.
Doreen
Facey-Biggs ist heute Mitglied in einer Selbsthilfegruppe für
Angehörige von Bipolaren. Sie weiß jetzt, dass diese Krankheit oft
erst Jahre nach ihrem Ausbruch erkannt wird. Und dass es dauern kann,
bis das richtige Medikament gefunden wird. Anfangs machte sie sich
Gedanken, welchen Einfluss die Scheidung von ihrem Mann auf Abrahams
Krankheit gehabt haben könnte. Aber die Ärzte beruhigten sie, eine
Trennung der Eltern allein löse keine manische Depression aus.
Mayra
Martinez ist eine der ganz wenigen, denen Abraham von seiner
Krankheit erzählt hat. Die 18-Jährige ist ein stilles, blasses
Mädchen mit schwarz lackierten Fingernägeln. Die beiden waren zwar
nur für kurze Zeit ein Paar, telefonierten aber auch nach der
Trennung jeden Tag ein bis zwei Stunden lang. "Abraham hat sich
oft so einsam gefühlt", sagt sie. Auch habe er das Gefühl
gehabt, nicht gut genug zu sein für seinen Vater, den
Mathematikprofessor. Als Mayra Martinez kürzlich Abrahams
MySpace-Seite mit all den Partyfotos sah, war sie überrascht. Diese
Fotos passen nicht zu ihrem Bild von dem einsamen Jungen.
Jeder
scheint einen anderen Abraham gekannt zu haben: Mayra den
Einzelgänger, Kristy den Partytyp, seine Professoren den fleißigen
und immer gut gelaunten Studenten. Nur die Mutter und die Schwester
haben ihn in all seinen Phasen erlebt, in den manischen und in den
depressiven.
Doreen
Facey-Biggs erinnert sich oft an das letzte Gespräch mit Abraham.
Jenes nächtliche Telefonat, als er das Gift vielleicht schon im Blut
hatte. Heute kann sie es nicht fassen, dass sie nichts gemerkt hat.
Immer wieder geht sie die Sätze durch und sucht nach Anzeichen, die
sie übersehen haben könnte. "Man fühlt sich so schuldig, wenn
sich das eigene Kind das Leben nimmt."
Nachdem
Abraham um 5.18 Uhr seinen letzten Beitrag geschrieben hat,
debattieren ein Dutzend Mitglieder des Forums darüber, was von
CandyJunkie zu halten sei. Schließlich haben sie nicht gesehen, wie
er die Tabletten nahm. Sie sind jung wie Abraham, zwischen 16 und 26
Jahre alt, das geht aus den Profilen hervor, die sie bei ihrer
Anmeldung im Forum angelegt haben. Einige kennen CandyJunkie. Nicht
alle glauben an einen dummen Streich. Nur wissen sie nicht, wie sie
sich verhalten sollen.
"Ich
wünschte, ich könnte irgendwas tun", schreibt um 5.32 Uhr baby
matty.
"Der
macht das jeden Monat", beruhigt ihn Fairy.
"Das
Einzige, was er tötet, ist seine Leber", schreibt
DeterminedToWin.
Dann
tritt Schweigen ein im Forum. Erst sechs Stunden später meldet sich
baby matty zurück: "Er liegt noch immer da."
Um
13 Uhr kommt ein anderes Forumsmitglied endlich auf die Idee, zwei
Moderatoren der Website zu informieren. Moderatoren sind gewöhnliche
Mitglieder, die darauf achten sollen, dass alle im Forum korrekt
miteinander umgehen. Der eine kennt CandyJunkie, er bezeichnet ihn
als "sensationsgeile Nutte". Der andere schickt eine Mail
an den Administrator der Website, den Betreiber. Nichts geschieht.
Etwa
zur selben Zeit sitzt am anderen Ende der Welt in Ahmedabad, Indien,
der 17 Jahre alte Dushyant Dubey beim Abendessen, bei ihm ist es 23
Uhr. Er hat an diesem Tag lange gearbeitet. Obwohl er noch zur Schule
geht, hat er schon eine Onlinemarketing-Firma gegründet. Wenn er
nicht am Computer sitzt, boxt er und stemmt Gewichte. Dushyant ist
täglich stundenlang online, seitdem er sechs ist. Er ist einer jener
digital natives,wie Soziologen Jugendliche nennen, die ins digitale
Zeitalter hineingeboren sind. Telefoniert man mit ihm, hat man das
Gefühl, am anderen Ende der Leitung sitze ein weit gereister Mann um
die 30. Dushyant spricht fließend Englisch, er ist es gewohnt, mit
Menschen aus aller Welt zu chatten. Und er hat eine Menge gesehen im
World Wide Web.
Nach
dem Essen, gegen Mitternacht, meldet er sich unter dem Namen Bulker
bei Bodybuilding.com an. In Florida ist es 14 Uhr. Als er auf den
Beitrag von CandyJunkie stößt, vermutet auch er zunächst einen
Scherz. Er und der amerikanische Student stehen täglich in Kontakt,
wenn auch nur über Bildschirm und Tastatur, und obwohl sie noch nie
persönlich miteinander gesprochen haben, betrachtet Dushyant
CandyJunkie als Freund. Zwar kennt er seinen richtigen Namen nicht,
dafür einige seiner intimsten Wünsche, und das ist vielleicht mehr,
als manch anderer Freund in Florida von Abraham weiß.
Als
Dushyant die Bilder auf justin.tv sieht, begreift er sofort, dass sie
echt sind und kein Loop, also keine Endlosschleife derselben
Bildsequenz. Und er sieht, dass der Junge auf dem Bett nicht mehr
atmet. Dushyant war mit zwölf einmal in einem Chatroom Zeuge, wie
ein Amerikaner vor laufender Webcam Medikamente schluckte und das
Bewusstsein verlor. Die meisten Zuschauer waren der Meinung, er werde
schon wieder zu sich kommen. Am nächsten Tag erfuhr Dushyant, dass
der Mann tot war.
An
diesem Novembertag weiß er, dass jede Minute zählt. Er erinnert
sich, dass sein Freund einmal seine Handynummer im Forum hinterlassen
hat, er sucht sie und recherchiert auch Abrahams richtigen Namen und
seine Adresse. Beides stellt er ins Forum, mit der Aufforderung:
"Ruft verdammt noch mal die Polizei an! Ich wohne in Indien und
habe auf meinem Handy kein Guthaben für internationale Anrufe."
Icosane
antwortet: "Solange er nicht in seiner eigenen Kotze liegt, lebt
er wohl." Dushyant kann sich noch so sehr aufregen - keiner
nimmt den Hörer zur Hand.
Psychologen
erklären solche Untätigkeit mit dem "Bystander-Effekt",
auch "Genovese-Syndrom" genannt. Der Name geht zurück auf
die Ermordung der 28-jährigen New Yorkerin Kitty Genovese im Jahr
1964. Damals ignorierten Dutzende von Nachbarn die Schreie der Frau,
während sie vergewaltigt und erstochen wurde. Ihr Unglück war, dass
zu viele ihre Schreie hörten. Niemand fühlte sich persönlich
gefordert. Wenn die anderen nicht reagieren, glaubt der Einzelne oft,
es liege kein Notfall vor. Deshalb sind in solchen Situationen
Aussagen wie die jenes Moderators, das Opfer sei ein Lügner, fatal.
Aber
Dushyant Dubey gibt noch nicht auf. Er schleicht sich ins Zimmer
seiner schlafenden Eltern und holt das Handy seines Vaters. Es ist
14.30 Uhr in Florida, als er die Nummer der Polizei von Miami wählt.
Aufgeregt berichtet er einem Beamten von dem angekündigten
Online-Selbstmord. Der Beamte verbindet ihn ein paar Mal weiter, bis
Dushyant bei einer Polizistin landet, die ihm erklärt, das Miami
Police Department sei nicht zuständig. Er solle sich an die
Polizeiinspektion des Broward-Distrikts wenden, in dem Pembroke Pines
liegt. Dushyant ist den Tränen nahe, das Guthaben auf dem Handy
seines Vaters ist aufgebraucht.
"Was
für Deppen leben in Eurem Land, den USA", schreibt er daraufhin
ins Forum und hinterlässt die Nummer der Polizei von Broward. "Warum
ruft IHR nicht an?!"
Zur
selben Zeit macht in der US-Stadt Indianapolis, 2000 Kilometer von
Pembroke Pines, Florida, und 13000 Kilometer von Ahmedabad in Indien
entfernt, ein Mann namens Josh Lee Mittagspause. Er arbeitet als
Systemadministrator. Auch er ist regelmäßig im Forum von
Bodybuilding.com. Er entdeckt die Mitteilungen von CandyJunkie und
liest sich eine halbe Stunde lang durch die Beiträge. Dabei stößt
er auf Dushyants Hilferuf und informiert die zuständige Polizei. Der
Beamte kann kaum glauben, was er hört: "Die haben alle
zugesehen, und Sie sind der Erste, der uns anruft?" Um 14.55 Uhr
stellt Lee die Nachricht auf die Webseite, dass er die Polizei
gerufen hat. Die Ankündigung macht im Netz schnell die Runde, Links
zum Live-Video werden auf alle möglichen Webseiten gestellt.
Plötzlich werden die vorher noch so trägen User aktiv.
Etwa
eine halbe Stunde später bricht die Polizei in die Wohnung von
Abraham Biggs senior ein, der Vater ist noch bei der Arbeit. Die Tür
zum Zimmer seines Sohnes ist verschlossen. 220 Zuschauer verfolgen,
wie ein Stück des Türrahmens durch die Luft fliegt und auf dem Bein
des reglosen Jungen landet. Einige wollen immer noch nicht glauben,
was sie sehen. "WTF", postet einer - what the fuck,verdammt
noch mal. "Schwindelei", schreibt ein anderer. Eine Pistole
taucht am rechten Bildrand auf, dann der Rücken eines Polizisten. Er
nähert sich Abraham, dann entdeckt er die Kamera, durch die die Welt
in das Zimmer blickt. Er wirft ein Stück Stoff darüber. Die
Vorführung ist beendet. Abraham ist tot.
Seither
versucht seine Mutter, in den Ereignissen des 19. November einen
höheren Sinn zu sehen. Sie ist gläubig, sie hält sich an dem
Gedanken fest, dass Gott mit Abraham etwas vorhatte. "Seine
Geschichte soll uns wachrütteln", sagt sie, "sie soll uns
zeigen, wie gleichgültig wir miteinander umgehen." Deshalb will
sie im Gegensatz zu ihrem Exmann, dass die Öffentlichkeit von
Abrahams Schicksal erfährt.
Dass
ihr Sohn seinen Selbstmord im Internet übertrug, überrascht sie
nicht. "Er wollte so sterben, wie er gelebt hat", sagt sie.
Seitdem er zehn war, hat er an seinem Computer herumgebastelt. Es sei
ihm nicht darum gegangen, ein Fanal zu setzen. Schließlich habe er
sich nicht vor laufender Kamera erhängt, um die Nachwelt zu
schockieren, wie das ein 42 Jahre alter Brite vor zwei Jahren tat,
nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Die Mutter vergleicht den
Suizid ihres Sohnes vielmehr mit dem Sprung von einer Brücke.
Einerseits habe er sterben wollen, andererseits auf Rettung gehofft.
Ein öffentlicher Selbstmord, das haben ihr Psychologen erklärt, sei
immer auch ein Hilferuf.
Wenn
Doreen Facey-Biggs heute ihrem Sohn nah sein will, tut sie das, was
er am liebsten tat, sie geht ins Internet. Sie ist Mitglied bei
Facebook geworden und steht jeden Tag in Kontakt mit ihren virtuellen
"Freunden". "So anonym, wie alle behaupten, geht es da
gar nicht zu", sagt sie, "und es wäre naiv, zu glauben,
dass das Internet an Abrahams Tod schuld ist." Ihre Pinnwand ist
voller Kommentare, die sie aufheitern sollen. Und sie hat erlebt, wie
mitten in der Nacht, wenn ihr die Gedanken an Abraham den Schlaf
rauben, plötzlich ihr Chat-Fenster am Computer aufpoppt und eine
Facebook-Freundin fragt: "Kannst du auch nicht schlafen?"
Sie hat diese Frau noch nie persönlich gesehen, und doch war ihre
Nachricht in diesem Moment ein Trost.
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